Grundschule Straßkirchen

Impressionen


 

 

Aktuelles

66 Schüler besuchen im Schuljahr 2013/2014 die Grundschule Straßkirchen. Sie werden in 4 Klassen unterrichtet.

 

Historisches

In Straßkirchen wurden sicher schon gut 100 Jahre vor Einführung der Schulpflicht die Kinder im Lesen, Schreiben, Rechnen sowie in der Kenntnis der Bibel und des Katechismus unterrichtet. Dies geschah freilich unter einfachsten Verhältnissen, auch dann noch, als die allgemeine Schulpflicht im Jahre 1802 eingeführt worden war. Das Schulhaus war zugleich Meßnerhaus und damit Eigentum der Schulgemeinde und der Pfarrkirchenstiftung, welchen die Bau- und Unterhaltspflicht je zur Hälfte oblag.

Bis zum Herbst 1910 besuchten auch die Schüler der Gemeinde Salzweg die Schule der damals noch selbständigen Gemeinde Straßkirchen. Um die Jahrhundertwende wurde im "oberen" und "unteren" Schulhaus unterrichtet (Bild oben, zum Vergrößern klicken). Zu Beginn der 60er wurde westlich vom Friedhof ein neues Schulgebäude errichtet, ausgelegt für Unter- und Oberstufe der Volksschule mit einer komplett eingerichteten, mehrzeiligen Schulküche und einem großen Werkraum. Einweihung war am 25. September 1965 (Bild unten, zum Vergrößern klicken).

Ab dem Schuljahr 1970/71 wurde durch die Rechtsverordnung der Volksschulreform trotz heftigen Widerstandes der Gemeindeverwaltung und der Elternschaft die Oberstufe der Volksschule Straßkirchen aufgelöst. Die Schüler der Schülerjahrgänge fünf bis neun müssen nun die Volksschule in Salzweg besuchen. Straßkirchen, das 1910 die Salzweger Schüler ungern ziehen sah, muss nun seine Hauptschüler schweren Herzens an die Volksschule Salzweg schicken. Straßkirchen bleibt aber selbständige Grundschule.

(aus: Heimatbuch Salzweg - Straßkirchen, Natur - Geschichte - Kultur, Schulgeschichte von Straßkirchen, Autorin: Katharina Rosenberger)

 

Herr Paul Köllnberger erinnert sich:

 Herr Köllnberger wuchs am "Gut Scheuring" auf, sein Vater war dort Gutsverwalter. Seine Erinnerungen beziehen sich auf seine Kindheit in Straßkirchen (1945 - 1954).

 

  • Auf da Schei`m  

 

 In jener Zeit nach dem „Umsturz“, als es noch Fünferl- und Zehnerlscheine gab, die Salzweger bis Straßkirchen zum Beichten mussten, wir Schulkinder mit brauner Tinte schrieben, als in der Gemeinde lediglich vier Personenautos (Opel Olympia, Mercedes, Ford Taunus, DKW) und zwei Bulldogs (Lanz, Kramer) fuhren, als vom Gasthaus und Metzgerei Braun her noch der Donner der alten Kegelbahn durchs Dorf rollte und für die zwei Wirtshäuser das Eis allwinterlich aus dem Bräuweiher gesägt wurde, in jener Zeit erlebten wir Kinder diesen südlichen Platz als die Herzmitte unseres Seins.

Hier wies uns der Werner Z. in die Feinheiten des Fußballspiel ein, denn er hatte als einziger, im Gegensatz zu uns, die wir uns mit einer „Saubladern“ begnügen mussten , einen Lederball. Auf der Schei`m lernten wir das Radfahren, akrobatisch unter der Stange des Herrenrades (Kinderräder gab es nicht) durch, wie die Steilwandfahrer in der Maidult. Eingerahmt vom Gut Scheuring, Kriegerdenkmal, Schulhaus und dem Kolonialwarengeschäft Zaglauer, floss in dieser Ortsmitte der Lebensstrom der ganzen Gemeinde zusammen: Dort begrüßten die Kinder den Pfarrer Hinterleitner, wenn er zum Brevierbeten ging, indem sie artig auf ihn zuliefen und ihm die Hand gaben; so war es Brauch. Hier sah man den Pater Ignatius - der einmal einem dahinträumenden Schüler, der in die schulische Abortgrube gefallen war, das Leben rettete - mit wallender Soutane zu einem Versehgang eilen. Über die Scheibe musste das gestrenge Fräulein Pongratz - das von seinen Schülern noch „Hand auf die Bank“ forderte- wenn es sich die Milch vom Gut heimtrug. Dort tratzten wir Kinder die etwas verwirrte Kurzen-Zenz, wenn sie mit ihrem Hochzeitsbild in Richtung Gutsküche schlapfte und das Staunen über jenes fesche jugendliche Brautpaar hervorrief.

 Über die Scheibe wurden die Täuflinge getragen und die Verstorbenen auf ihrem letzten Weg begleitet. Bei Hochzeiten war die Schei`m wie der Eintritt in einen Prunksaal und wir Kinder ließen uns dabei das „Vorziag`n“ nicht entgehen. Da spannten oft ein Dutzend Paare ihre mehr oder minder geschmückten Schnüre, damit sich die Festgesellschaft den Durchlass erkaufte. Wenn dann die Hochzeitsgäste die Fünferl, Zehnerl bisweilen aber auch ein Fuchzigerl in den Sand warfen, anstatt sie uns in die Hand zu legen, hatten sie ihren besonderen Spaß, wenn wir uns um die Münzen balgten.

Über die Scheibe hasteten die Ministranten, wenn sie sich aus der Gutsküche eine Glut für das Rauchfassl erbaten; musste der Mesner, wenn er zum abendlichen Angelus ging, und auf den wir Kinder schon warteten, weil wir uns dann beim Läuten am Glockenstrick emporziehen lassen durften. Dieser zentrale Kirchplatz sah den Einzug der neuen Glocken, begleitet von einem bunt geschmückten Wagen- und Radkorso, in Prunk und Feierlichkeit. Für uns Kinder nicht minder beeindruckend die Einweihung des Kriegerdenkmals mit klingendem Spiel, Fahnen und Böllerhall und der Festrede des Dr. Ritter von Scheuring in Frack und Zylinder.

 

Über diesen einmaligen Dorfplatz transportierten die Häuslerinnen mit der „Radltragn“ ihre schweren Brotlaibe, fein säuberlich mit einem weiß-blau karierten Tuch bedeckt, zur Bäckerei Steininger, von wo auch die „Bäckerseier“ herstammte, die meist von den Schulkindern in einem Emailhaferl heimgetragen wurde. Über diesen autofreien Platz jagte höchstens einmal ein schneidiger Jungbauer aus Stolzesberg, im Krieg Fallschirmjäger, damals Feuerwehrkommandant, mit seiner 250er BMW, die Stufen neben dem Kriegerdenkmal hinabspringend, wenn es ihm besonders pressierte. Den gleichen hohen Grad der Bewunderung genoss auch jener junge Bursche in amerikanischer Uniform , ebenfalls aus Stolzesberg, der in Diensten der US-Army mit dem Jeep das Hindernis nahm. 

Die Schei´m war der Pausenplatz für uns Schulkinder, und wenn es der allmächtige Hauptlehrer Strauß im weißen Mantel erlaubte, am hölzernen Brunnen des Zaglauerhauses unseren Durst zu löschen, „zwiagazte“ der Schwengel des eisernen Pumpwerks seine rostige Melodie. Im Winter war die Schei`m die Eisfläche zum „Schliefazn“ und wer „Behmschua“ hatte –handgeschnitzt von einem Meister seines Faches, dem Ludwig G. aus Schlott - an der Unterseite mit zwei Regenschirmspangl als Kufen, war weitenmäßig schon unschlagbar.
 
Über die Schei´m mussten wir beim „Packltrag`n“, jener bevorzugten Beschäftigung, besonders an den Winterabenden, die uns das Draußensein auch nach dem Gebetläuten noch erlaubte und andererseits die postalische Versorgung erheblich beschleunigte. War es doch so, dass die Pakete - und in der autoarmen Zeit der frühen 50er-Jahre war das eine beträchtliche Menge- die mit dem Postauto gegen halb 6 Uhr abends von Passau kamen, von der Haltestelle an der B12 zur Post beim Zaglauer getragen werden mussten. Oft halfen dabei auch die Kinder aus den umliegenden Ortschaften, weil sie anschließend das ersehnte Packerl – und nicht selten war eines aus Amerika dabei – gleich mit heim nehmen durften.
 

Ja, die geschichtliche Dimension der Scheibe wurde für uns Kinder der Nachkriegszeit zum bleibenden Erlebnis. Da saßen wir unten auf der Treppe zwischen Gutshaus und Gärtnerei und spielten „Autoraten“. Wer erwartete das hochwertigste Fahrzeug? War es vielleicht die 350er-Horex vom Hurnaus Hans, die daherbrauste oder der Borgward eines Bauunternehmers aus Bärnbach? Wir kannten sie schon am Klang der Motoren! Kam nach mehr minütigem Abstand vielleicht eine schwere Faun-Zugmaschine oder gar der „Waldkirchner“ (Omnibus) oder ein dampfender Holzgaser von „Leizinger und Kadlez“? Alles war jedoch nichts gegen einen Militärkonvoi der Amerikaner: Schnell standen wir in einer Linie längs der Straße und winkten. Und wenn dann die Soldaten Kaugummi, Schokolade oder Keks` herauswarfen, zeigten wir diese Kostbarkeiten stolz den Eltern.

Die Schei´m, dieser adelige Platz, der seinesgleichen diesseits der Donau sucht, war der Ort längst vergessener Spiele wie „Tore köpfen“, „Schussern“, „Pfennigwerfen“ oder „Kastlhupfa“, ein Dorfplatz, auf dem sich alles abspielte, was das Kinderleben erfreute. Und wenn es regnete, wurden die Wasserpfützen unsere Ozeane und die Sturzbäche aus den Dachrinnen die Ströme, auf denen unsere Papierschiffchen in die Phantasieländer segelten. Nur ein kostbares Kleinod blieb dem Außenstehenden stets verborgen: dieses symbolhafte Hinterglasbild nach Albrecht Dürer „Der Heilige Eustachius“ im ehemaligen Jagdzimmer des Gutshauses, dessen Geheimnis erst aus der Sicht von innen erahnt werden konnte und das sich dem Betrachter auf der falschen Seite in quasi-philosophischer Sicht immer verschloss. 

Am frühen Sonntagnachmittag war die ruhigste Zeit. Da torkelte höchstens ein verspäteter Kirchgänger in seinem schwarzen Sonntagsanzug, den Hut in den Nacken geschoben, vom nachkirchlichen Frühschoppen Richtung Seiersdorf. Der Mittagsschlaf hatte sich über den Platz gelegt, nur die Erdbienen längs des Gutshauses verrichteten unermüdlich ihre Arbeit. Doch spätestens wenn die Glocke zur Nachmittagsandacht rief, setzte der Pulsschlag wieder ein.
 
Pauli Köllnberger

 

  • Aufnahmeprüfung 1953
 
Wenn sich in diesen Tagen Mütter und Väter in ein imaginäres Schülersein versetzen und mit all ihren Nöten, ja ihrer Tränenwut zum Probeunterricht antreten, um letztlich doch ihre Kinder, quasi als Stellvertreter, in die Prüfungen zu schicken, erinnere ich mich an die gnadenlose Auslese vor 60 Jahren, als ich die Aufnahmeprüfung an der Oberrealschule Passau, damals noch in der Nikolastraße, machte.
In jener Zeit nämlich, als die „höheren Schüler“ Bayerns zu Mathematik noch „Mathes“ sagten und zum „Abs“ (Absolutorium) noch nicht Abi , als eine Studienrätin noch „Frau Professor“ hieß, der Musiklehrer die Lateinschulaufgabe übersetzen und der Chemie-Professor auch im Fach Geschichte mitreden konnte, als „cool“ noch nicht im Duden stand und „geil“ nur im ursprünglichen Wortsinn bekannt war, also die Schüler mehr als zwei Eigenschaftswörter in ihrem mündlichen Wortschatz hatten, in jener pädagogisch finsteren und didaktisch hilflosen Zeit, beschlossen meine Eltern - dem ewigen Gesetz folgend, dass ich es einmal besser haben sollte als sie - mich auf eine „höhere Lehranstalt“ zu schicken. Weil es damals auf dem Land so üblich war, erfolgte der Übertritt erst nach der 5.Jahrgangsstufe. Nun hieß es Abschied nehmen von den Sechstklasslern mit denen zusammen wir von dem so beliebten Willi Raßl unterrichtet wurden.
 
In Passau kamen für die Buben nur zwei Schulen in Betracht, das „Gymnasium“, das heutige Leopoldinum, und die naturwissenschaftlich-neusprachlich ausgerichtete „Oberrealschule“, jetzt als ASG bekannt. Die Abiturientenquote eines Schülerjahrgangs lag zwischen zwei und drei Prozent und besonders auf dem Land waren die Begabungsreserven überhaupt nicht ausgeschöpft. Das spätere Schlagwort vom Bildungsnotstand hatte damals noch seine volle Berechtigung. So war ich von den 30 Schülern meines Jahrganges an der Volksschule Strasskirchen  der einzige, den seine Eltern studieren ließen, wie man damals sagte. Aber das hieß nicht, dass ich der Gescheiteste war; der Alfred W. aus Schlott und der Franze K. aus Götzendorf konnten mindestens genauso gut rechnen.
Elterliche Hilfe oder gar die Wir-Form beim Anfertigen der Hausaufgaben oder beim Abfragen von Lernstoff waren absolut unbekannt. Nur ein einziges Mal in meiner Schulzeit musste mir meine Mutter ständig das Abendgebet vorsagen, weil wir zum Auswendiglernen kein entsprechendes Gebetbuch besaßen.
 
Am Prüfungstag fuhren Vater und ich mit dem Linienbus, dem „Probst“, in die Stadt. Für den besonderen Anlass durfte ich die neue Aktentasche aus braunem, gehämmerten Leder nehmen, die bis dahin in Mutters Wäscheschrank Krieg, Schwarzhandel und Währungsreform überstanden hatte und deren aufdringlicher Geruch nach Mottenkugeln ihre karge Schlichtheit ohne Fächer oder Seitentaschen noch verstärkte.
Mit dem Betreten des Gebäudes umfing mich eine neue Schulwelt. Der lange, helle Flur, dessen kalter Steinboden Ehrfurcht und Fremdheit wachsen ließ, dazu der ungewohnte Geruch, der aus den offenen Klassenzimmern drang , deren Böden mit Putzöl eingelassen waren – alles war etwas zu Großes und Neues. Nachdem wir uns schließlich zu den Prüfungsräumen durchgefragt, Vater sich verabschiedet hatte und ich so dastand in meiner kurzen, schwarzen Cordhose, der von Mutter gestrickten Trachtenweste , den grauen Kniestrümpfen und braunen Sandalen -Turnschuhe dienten damals ausschließlich den Leibesübungen- überkam mich erstmals ein noch nie gespürtes, erstickendes, fremdes Alleinsein. Eine Leere tat sich auf, wie ich es noch nie erlebt hatte und das muntere Treiben der anderen Prüflinge erweiterte sie zu   einem sakralen Raum, dessen hohe Fenster nur den Blick auf die Kastanien des gegenüberliegenden Niedermayer-Gartens preisgaben.
Viele Kandidaten aus den Stadtschulen schienen sich bereits zu kennen, schwatzten geschäftig von ihren Erlebnissen , brüsteten sich mit der Kenntnis über Namen und Tätigkeiten von Professoren, wie sie es von ihren Geschwistern erfahren hatten, ja benannten
die prüfenden Lehrer mit ihren Vorzügen und Schwächen und ließen den Stillen ihre Überlegenheit, ja ihren Hochmut spüren. Nur ein paar schüchterne Landschüler saßen schon bescheiden auf den Plätzen und gaben die Arena bereitwillig frei für dieses erste Spiel um Hierarchien und Ränge. Fast verschämt suchte ich mir einen freien Platz, nahm Lineal, Füller, Bleistift und Radiergummi aus der sonst leeren Ledermappe und legte sie in die dafür vorgesehen Rinne der alten Holzbank. In den folgenden Minuten des Wartens aber, begann in der Tiefe meiner kindlichen Seele etwas zu keimen, das nach Jahren in dem bekannten Offiziersgrundsatz seine Form erhielt: Mehr sein als scheinen.
 
Dann betrat eine kleine, zierliche Dame das Klassenzimmer, teilte Blätter aus, gab ein paar Hinweise und wir schrieben das Diktat „Mensch und Wald“. Schon beim einführenden Vorlesen durchströmte mich ein Gefühl der Stärke und Sicherheit, denn das war meine Welt: Waldarbeit auf dem Gutshof, Holzhandel, Jagd, Schwammerl -und Beerensuchen und das abenteuerliche Spiel in einer paradiesischen Kinderwelt. Und mir wurde nicht im geringsten bewusst, dass jeder falsche Buchstabe in seiner geradezu lächerlichen Nichtswürdigkeit zum schicksalhaften Wegzeichen für mein weiteres Dasein erhöht wurde.
 
Nach dem Rechtschreiben und einer kleinen Pause erschien einer, der so gar nicht meinen Vorstellungen von einem „Professor“ entsprach. Er lockerte die Spannung auf, redete vom FC Vilshofen und anderem Fußball, um sich schließlich als der Mathematiklehrer vorzustellen. Neben dem Rechnen mit größeren Zahlen in den Grundrechnungsarten, war das Lösen von Textaufgaben besonders gefordert. Zum ersten Mal in meinem Schülerdasein erlebte ich dabei das bisher Unbekannte: Ein Mädchen weinte. Was beim heutigen Probeunterricht drei Tage in Anspruch nahm, wurde 1953 auf einen Halbtag verdichtet. Natürlich gab es keine Sonderregelungen für Legastheniker oder Schüler mit einer Rechenschwäche (Diskalkulie). Dieses Brot war hart. Die Pause kurz. Nach einer Viertelstunde folgte der Aufsatz.
 
Jetzt hieß es schreiben, es gab keinen Platz für Zufall oder Wahlmöglichkeit, nicht da ein Kreuzchen oder dort ein Lückenwort. „Als ich einmal etwas vergessen habe“, so oder ähnlich lautete das Thema. Und ich habe doch nie etwas vergessen! Dabei hätte ich mit Erlebnissen prassen können: einer „rasanten“ Autofahrt mit Dr. Ritter von Scheuring, dem Fest der Zigeuner auf dem Holzplatz des Gutes oder gar dem Kampf des 7.US-Kavallerieregiments - das waren wir Straßkirchner Buben - gegen die Sioux in den Wäldern bei Götzendorf. Was für Schreibanlässe! So aber lief es wieder einmal, wie in unzähligen Schülergenerationen, auf eine Phantasiegeschichte hinaus und ich musste mich letztlich mit einem „Dreier“ zufrieden geben.
Nach dem Aufsatz schloss sich ein Prüfungsteil an, dessen Bedeutung auch noch neun Jahre später im schriftlichen Abitur seinen Ausdruck fand: die katholische Religionslehre. Dazu hatten wir bei der Anmeldung schon eine Liste über den zu prüfenden Stoff und Fragen erhalten. Für die heutigen Übertritts-Eltern eine geradezu bacchantische Einladung zum Exerzieren und Drillen. Wie wenig die meisten von uns an ein paukendes Lernen, an ein verbissenes häusliches Üben gewöhnt waren, sollte sich für mich hier erstmals erweisen. Eine Frage aus dem kleinen Katechismus lautete: “In welcher Weise zeigen die guten Engel ihre Liebe zu uns?“ Ich konnte nur phantasieren. Mir jedenfalls haben sie ihre Liebe nicht gezeigt, was sich bei der Bekanntgabe der Ergebnisse herausstellen sollte.
 
Gegen 12 Uhr war die Prüfung zu Ende. Vater erwartete mich schon an der Tür. Wir setzten uns in den Niedermayer-Garten und ich durfte mir einen warmen Leberkäs mit einer Laugenbreze und einem Kracherl bestellen . Der Senf war süß und ich ließ es mir schmecken, denn jegliches psychisches Fordern oder Quälen war mir fremd, nie gab es Leistungsdruck, versteckte Vorwürfe, Lerntränen oder Nachbarvergleiche - und damit auch keine Versagensängste.
Nach einer Stunde gingen wir zurück in die Schule. Ein kleiner, drahtiger Mann , mit einem Vogelgesicht und einer Nickelbrille eröffnete uns die Ergebnisse. Bei mir machte er eine zusätzliche Bemerkung. Hätte ich nämlich im Diktat und Rechnen nicht „sehr gut“ erreicht, wäre ich wegen meinem „Fünfer“ in Religion durchgefallen. Fortuna aber meinte es gut mit mir und so durfte ich auf breitem Weg, zusammen mit den ewig jungen unterrichtlichen Gefährten Gauß, Helmholtz, Staudinger, Iphigenie, Klio, den Blauen Reitern und Elise, um nur die bekanntesten zu nennen, eine Wanderschaft beginnen , an die ich auch heute noch so gerne denke.
 
Pauli   Köllnberger,   April 2013